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„Hier sind die Meere, die Stürme und die Wellen der ganzen Welt. Hier ist ein wildes Umfeld. Und hier ist komplizierte Anpassung, deren Erlangen eine Freude ist für das kleine bebende Nichts, das ich bin.“ Jack London

Betty in Alphen aan den Rijn, Holland, Sommer 2012

 

Betty auf den Kanälen Hollands in Alphen aan den Rijn,Sommertörn 2012
 
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Auf diesen Seiten wird viel vom Fischfang die Rede sein und den Männern, die diesen Beruf ausübten. Von ihren Schiffen, den Segeln und Netzen, ihren Fangmethoden und den Meerestieren, von denen sie lebten. Daneben war die Grenzen und Kulturen überschreitende Rolle, die Fischer in mehr als zwei Jahrhunderten gespielt haben, von ganz entscheidender Bedeutung für viele Entwicklungen im Schiffs- und Yacht- bau. Diese Funktion der Seefahrt, die Nationen verbindendet, ist ein geschichtlich ausserordentlich interessantes Beispiel für Technologietransfer zwischen entfernten Küsten - für den die Essex Austernsmack Betty CK145 ein gutes Beispiel ist.

Betty CK145 ist eine Essex-Oyster-Smack, 1906 bei Aldous in Brightlingsea in Südostengland für Mr. French aus Mersea für 100 Gold-Sovereigns gebaut. Smacks sind kuttergeriggte Fischereifahrzeuge. Die Kleineren bis 35 Fuß Länge wurden vorwiegend küstennah in der Themsemündung eingesetzt, einem Wattenmeer reich an Prielen und Sandbänken. Mit ihrem flachen Tiefgang war Betty dort hauptsächlich mit dem Austernfang beschäftigt. Ihr Riss ist stark vom viktorianischen Yachtdesign beeinflußt, da ihre Besitzer und Mannschaften bei den Sommerregatten regelmäßig als Skipper oder Crew auf den Rennyachten der reichen Adligen und Industriebarone fuhren. Aus dieser Tradition hat sich sicher auch das relativ aufwendige Gaffelrigg mit der großen Segelfläche und dem schlanken Toppmast entwickelt. Das schöne, weit überhängende Yachtheck war wohl deshalb beliebt, weil es auf den kleinen Schiffen mehr Decksfläche für die Arbeit bot.

CK145 ist die ursprüngliche und erhalten gebliebene Fischereinummer von Betty, nach ihrem Heimathafen Colchester (CK), England.

Karte von Südostengland Betty beim Austernfang
 
Betty CK145 (hinten links) beim Austernfang 1935

Überfischung und Umweltbeeinträchtigung durch die zunehmende Industrialisierung reduzieren die Erträge jedoch drastisch. Heute werden die ca. 40 noch erhaltenen Essex-Smacks ausschließlich als Traditionsschiff oder Freizeitkutter gesegelt - sehr beliebt sind die vielen Regatten im Sommer. Nach dem Krieg ist Betty im Besitz von Mr. Juggens French, der als Wachmann für die Tollesbury & Mersea Oyster Company arbeitet. Nach dessen Tod fährt sie noch bis in die frühen 60er Jahre als Muschelfischer für Mr. Roy Leslie aus Southend, seines Zeichens Fischhändler - nun allerdings unter Motor und ohne Mast und Segel - bis das Schiff vergessen im Schlick vom Barling Creek zerfällt, wie zahllose andere alte Fischkutter in jenen Jahre.

Umbau zur Yacht

Ein riesen Glücksfall für Betty ist der passionierte Segler und Hobbybootsbauer Ray Riley aus Wivenhoe, der den vernachlässigten Rumpf dort 1965 dort entdeckt und ihn für 165 Pfund erwirbt. Mr. Riley war auf der Suche nach einer bezahlbaren Fahrtenyacht für sich und seine Familie und wählt den damals häufigen Weg, den Rumpf eines alten Arbeitsschiffes zu erwerben und mit viel Eigenarbeit wieder zu einem brauchbaren Segler zu machen. Deshalb entscheidet er sich wohl auch, nicht dem Trend der 50er und 60er Jahre zu folgen und eine möglichst hohe und deshalb oft kastenförmige Kajüte an die Stelle der früheren Ladeluke zu setzen. Stattdessen wählt er bei diesem ersten Umbau eine frühe Form von „Retrodesign“, indem er sich an den Formen orientiert, die bei den Neubauten von Yachten in den 20er Jahren üblich gewesen waren, als die Bequemlichkeit noch nicht so im Vordergrund stand und Fahrtensegeln noch mehr als Sport verstanden wurde. Durch diesen glücklichen Umstand ist Betty heute eine schöne Repräsentantin für die englische Tradition der Vorkriegsjahre, ehemalige Arbeitsschiffe zu Freizeityachten umzubauen.

Halbmodel von Smack

In Deutschland

1979 wird Betty nach Hamburg-Finkenwerder verkauft. Wieder muß viel repariert und erneuert werden. Daneben bleibt aber noch genug Zeit, um einige Trophäen zu ersegeln. Nach einem Eignerwechsel im September 2002 ist Betty ein Jahr lang über die Niederlande nach England unterwegs zu einer begeistert gefeierten Heimkehr in der Themsemündung. Auch in der nächsten Saison geht es wieder nach England, diesmal allerdings entlang der Südküste und durch den Solent bis nach Weymouth. Auf der Rückfahrt über Nordfrankreich passiert in der Mündung der Canche eine schwere Strandung, wodurch das Schiff leckgeschlagen wird. Nach der Rettung müssen auf einer Traditionswerft in Tholen auf Zeeland sieben Spanten und fünf Planken im Mittschiffs-bereich erneuert werden. Mit gelegtem Mast geht es dann durch die Kanäle Hollands und quer durch Norddeutschland zurück nach Hamburg.

Nach der Teilnahme am Hafengeburtstag im Jubiläumsjahr 2006 geht es öfter auf die Elbe bis zur Überführung zum Sommerliegeplatz in Lübeck. Dort segelten Betty und ich - manchmal in Begleitung guter Freunde - kreuz und quer über die Lübecker Bucht, bis es Anfang Oktober wieder zurück auf die Elbe und zum Herbsttreffen der Freunde des Gaffelriggs in Glückstadt ging. Betty wird das ganze Jahr im Wasser gehalten: Im Winter lag das Schiff im Hafen des Gaffel Consortiums in Hamburg Finkenwerder, in den Sommermonaten wurde sie auf der Elbe und der Ostsee gesegelt und hat ihren Liegeplatz im Museumshafen zu Lübeck vor den alten Speicherhäusern am Holstenhafen.

Heute

Dann im Frühjahr 2009 bricht Betty wieder zu einer längeren Reise auf: im ersten Jahr geht es entlang den Ostfriesischen Inseln und quer durch die Niederlande bis nach Tholen in Zeeland im Süden von Holland. Nach einer größeren Reparatur im Frühjahr 2010 geht es über den Englischen Kanal in die Themsemündung, wo sie nach einem fünfwöchigen Törn in Wivenhoe bei Harwich ihren zweiten Winter verbringt. 2011 segelt Betty einen zweiten Sommer die englische Küste hinauf bis nach Woodbridge und nach einem Stop in London zurück nach Holland. Betty bleibt das ganze Jahr über im Wasser: die Wintermonate 2011-2012 liegt das Schiff im Buurthaven de Levant in Amsterdam, im Frühjahr wird sie erst einmal in niederländischen Gewässern segeln.

 

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Technische Daten

Schiffstyp: Essex Oyster-Smack

Werft: Aldous, Brightlingsea, England

Baujahr: 1906

Baumaterial/-weise: Pitchpine auf Eiche, Karweel

Jahr der Restaurierung: 1965 - 1968

Länge Rumpf: 10,61 m

Breite: 2,95 m

Tiefgang: 1,22 m

Verdrängung: 12 t

Takelungsart: Gaffel-Kutter

Segelfläche: 92 m² (Groß-, Fock, Klüver, Topsegel)

Motor: 35 PS Volvo Diesel (120 Liter)

Flagge: Deutschland

Riss von BETTY CK145

 

 

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