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Original oder Fälschung - was ist original an BETTY CK145?
     
  Wenn ein Schiff wie die Austernsmack BETTY CK145 - ganz besonders eines aus Holz - einhundert Jahre alt geworden ist, stellt sich zwangsläufig die Frage: Original, Replik, Nachbau oder mit Hilfe von Epoxy zusammengeleimte Restposten? Denn obwohl der Baustoff Holz als Material von seinen physikalischen Eigenschaften, seiner Festigkeit und Elastizität ideal für die Konstruktion von kleineren Schiffen war und immer noch ist, sieht es im Vergleich zu Materialien wie Stahl oder GFK mit der Haltbarkeit über lange Zeiträume ganz anders aus. Praktisch alle Holzarten verlieren mit der Zeit ihre positiven Eigenschaften. Hinzu kommt, dass Holz abhängig von den Witterungseinflüßen, UV-Schutz und Lüftung unter Deck, von Verfall (Rott) angegriffen wird und nach einigen Jahren ohne ausreichende Vorsorge anfängt zu faulen aber im Extremfall schlicht verrottet und in seine Bestandteile zerfällt. Auch die Nägel, Schrauben und Kleber, die alle Holzteile zusammenhalten sind Alterungsprozessen ausgesetzt und rosten oder lösen sich auf.
   
  Werft auf Finkenwerder um ca. 1910 Um es gleich vorweg zu sagen, als BETTY im Jahr 1906 gebaut wurde, rechnete natürlich weder der Auftraggeber noch die Werft Aldous damit, dass das Schiff bis heute fahren würde. Die Fischer, die damals ihre Boote in Auftrag gaben, sahen sie kaufmännisch nüchtern als Investition fürs Geschäft, den gewerblichen Fischfang, ganz ohne die Romantik, die wir mit diesen Schiffen heute verbinden. Vermutlich wurde für die Zeitspanne von einer Generation, also von höchstens 30 Jahre vorausgeplant. Was später mit dem Schiff geschehen würde, interessierte damals kaum jemand. Trotzdem wurden beim Bau der Smacks nur erstklassige Materialien verwendet.
  Die Werft war stolz auf ihre Leistung und die Qualität jedes einzelnen Schiffes, das den Slipp verließ. Für Kiel, Steven, Totholz und Spanten wurde englische Eiche; für Planken und Deck Lärche; und Douglas Fichte für Mast, Baum und die Spieren verwendet. Zusammengefügt wurde mit Kupfernägeln, Messingschrauben und Hartholz-keilen. Auch die Verschleißteile, wie das stehende und das laufende Gut und die Segel waren qualitativ hochwertig gefertigt und überdauerten bei guter Pflege viele Jahre. Segelmacherei um ca. 1900
  Der 'Hard' in Brightlingsea 1934 Es ist überliefert, dass die Austernfischer aus Essex ihre Smacks mindestens einmal im Jahr - in der Regel zu Beginn der Saison, also im Spät-sommer - auf dem ‘Hard’ (einer Art natürliche Slippanlage) trockenfallen ließen, um das Unter-wasserschiff zu reinigen, wenn nötig neu zu kalfatern und danach mit Teerfarbe anzustre-ichen. Natürlich wurden dabei auch alle anfallen-den Reparaturarbeiten an Deck und unter Deck, sowie am Rigg ausgeführt. So hielten sie ihre Arbeitsschiffe über Jahrzehnte instand.
  Ähnlich muß auch für BETTY gesorgt worden sein, fuhr sie doch bis in die Vierziger Jahre im Austern-fang und als Wachboot für die Austernkompanie. Ob der neue Besitzer, der das Schiff dann mit eingebautem Motor und ohne Mast und Takelung nur noch für den Transport von Herzmuscheln von den Fanggründen in der Themsemündung zum Markt in Leigh-On-Sea benutzte, ebenso fürsorg-lich war, ist unwahrscheinlich. Sicher ist, dass er für das Schiff gegen Mitte der 50er Jahre keine wirtschaftliche Verwendung mehr hatte und es in einem abgelegenen Creek (Meeresarm) auflegte, wo es zweifellos verrottet wäre, wie zahllose ihrer Artgenossen auch.
Aufgelegte Fischereischiffe
  BETTY 1965 vor der Restaurierung in Wivenhoe Ein riesen Glücksfall für BETTY war der passionierte Segler und Hobbybootsbauer Ray Riley aus Wivenhoe, der das Schiff dort 1965 entdeckte. Mr. Riley war auf der Suche nach einer bezahlbaren Fahrtenyacht für sich und seine Familie und wählte den damals günstigen Weg, den Rumpf eines alten Arbeitsschiffes zu erwer-ben und mit viel Eigenarbeit wieder zu einem brauchbaren Segler zu machen. Darüber hinaus war es ein ungewöhnliches Glück, dass Mr. Riley aus der Umgebung von Brightlingsea stammte - wo BETTY gebaut worden war - und mit Austernsmacks in unmittelbarer Nähe aufgewachsen war.
  Deshalb entschied er sich wohl auch, nicht dem Trend der 50er und 60er Jahre zu folgen und eine möglichst hohe und dadurch oft kastenförmige Kajüte an die Stelle der früheren Ladeluke zu setzen. Die dabei gewonnene Stehhöhe war durch einen unförmigen Kajütaufbau erkauft, der das ganze Schiff verunziert hätte. Nein, stattdessen entschied er sich schon bei diesem ersten Umbau für ein „Retrodesign“, indem er sich an den Formen orientierte, die bei den Neubauten von Yachten in den Vorkriegsjahren üblich gewesen waren, als die Bequemlichkeit noch nicht so im Vordergrund stand und Fahrtensegeln noch mehr als Sport verstanden wurde. BETTY noch ohne Schanz in Wivenhoe 1966
  BETTY auf dem Fluß Colne ca. 1968 Durch diesen glücklichen Umstand ist BETTY heute eine schöne Repräsentantin für die frühe englische Tradition ehemalige Arbeitsschiffe zu Freizeityachten umzurüsten. Aufgrund der Tat-sache, dass das Schiff wohl mindestens zehn Jahre vernachlässigt worden war, mußte bei diesem Umbau auch viel repariert beziehungs-weise erneuert werden, wobei die meisten Planken, Decksbalken, Relingsstützen sowie Deck und Schanz erneuert wurden. Da ja vom Rigg nicht mehr viel vorhanden war, mußte also ein neuer Mast her. Der kam von der Smack „Ethel Alice“ in einer typischen Form von „Recycling“. Ein neuer Großbaum und der lange Klüverbaum wurden aus Douglas Fichte gefertigt.
  Das klassische Kutterrigg mit Pfahlmast stand ganz in der Tradition der Austernsmacks vor der Jahrhundertwende. Auch der alte ‘Kelvin’ Diesel war nicht mehr zu gebrauchen, weshalb ein neuer Motor der Marke ‘Morris Navigator’ ins Schiff kam.
   
  Einige Jahre später beschließt der Sohn von Ray Riley eine „Modernisierung“ des Riggs und ersetzt den alten Pfahlmast durch den typischen hohen, einholbaren Topmast, wie er auf den großen Renn-kuttern bis in die 30er Jahre und auf den Bawleys typisch war. Dazu kommt ein Satz Rennsegel und das ehemalige Arbeitsschiff war endgültig zur Privatyacht geworden. Für 10.000 Pfund wird BETTY 1979 nach Hamburg-Finkenwerder verkauft. Wieder muß viel repariert und erneuert werden: zuerst wird das laufende Gut ersetzt. 1982 wird auf der Behrens-Werft in Finkenwerder ein neuer Volvo-Penta Dieselmotor eingebaut und Vorsteven, Spanten, Elektrik erneuert.
BETTY auf der Unterelbe ca 1980
Foto: Kai Greiser - yachtbild.de
  BETTY auf dem Slip der Behrenswerft Nach einem schweren Sturm wird 1989 die komplette Restaurierung des Hecks notwendig. 1992 kommt eine neue Decksbeplankung ein-schließlich aller Decksspanten und ein neuer Satz Segel hinzu; dann 1999 die Erneuerung von ca. 80 m Planken, ein neues Rigg (stehendes und laufendes Gut), die völlige Überholung der Spieren und ein neuer Klüverbaum. 2003 wird nach einem Eignerwechsel die Grundüberholung des Motors und wegen einer Havarie in Holland ein neuer, leichter (weil hohler) Topmast fällig. Dabei ändere ich ein paar Details am Rigg, wie die Großschotführung, die von der Führung hinten am Heck jetzt über Blöcke in die Plicht geführt wird, wie es auf den Yachten nach dem ersten Weltkrieg üblich war und mit neuen Faulenzern (Lazyjacks) am Groß.
  Der Klüver bekommt einen Rollfockbeschlag im Stil des Klassikers von „Wykeham Martin“ und am Ruder installiere ich eine Pinnenarretierung, alles zur Vereinfachung des Segelns mit kleiner Crew. Wieder in Hamburg wird bei dem Ersatz der alten Beting der Klüverbaum nach niederländischem Vorbild klappbar eingerichtet, um in den teuren Marinas Platz und damit Geld zu sparen und ein Jahr später wird Dank eines zweiten Rackringes und eines zweiten Klüverfalls, die Möglichkeit geschaffen, bei Starkwind zusätzlich zum aufgerollten großen Klüver einen zweiten kleineren Klüver direkt dahinter zu setzen. Arbeit an BETTY auf der Behrenswerft in Finkenwerder
  BETTY mit neuen Spanten in Tholen, Zeeland Nach einer schweren Strandung in Nordfrankreich müssen auf einer Traditionswerft in Tholen auf Zeeland sieben Spanten und fünf Planken im Mittschiffsbereich erneuert werden, so dass von dem 1906 von der Werft gekommenen Schiff nur noch der Kiel, das Todholz, ein paar Spanten und zwei Planken wirklich original sind. Und trotzdem wird das Schiff von der Autorität in Sachen Smacks, der „Colne Smack Preservation Society“, als originale Essex Austernsmack anerkannt und registriert.
     
  Ich denke, an der bewegten Geschichte der Austernsmack BETTY CK145 ist deutlich geworden, wie einhundert Jahre alte Traditionsschiffe im Idealfall immer ein Mix aus Original, Replik, Nachbau und Repariertem sein werden... wenn möglich wird man sie original belassen, wenn nicht, reparieren, nachbauen, redesignen oder neu machen, so lange sie in Gebrauch bleiben und das Schwimmfähigkeitszeugnis bekommen.

 

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