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BETTY CK145 - Dokument

Kauf das Schiff Deiner Träume und Du wirst Dein Blaues Wunder erleben

eine wahre Geschichte von Jan Holthusen

Wie man zu Seemannsgarn steht, ist jedermanns eigene Sache. Es scheint jedoch vom persönlichen Blickwinkel in der jeweiligen Krisensituation abzuhängen, ob du noch an das Gesetz vom Zufall glauben kannst, oder doch dem sagenhaften Zauber uralter Seefahrtsmythen erliegst. Ich jedenfalls hatte nicht im Traum vor, den verwunschenen Geschichten von alten Seebären zu lauschen und schon gar nicht selbst daran zu glauben, als ich im Frühherbst neuer Besitzer der wunderschönen Oystersmack ‘Betty of Colchester’ wurde. Dies war kein übereilter Spontankauf, sondern das Resultat monatelanger Pläne, Zweifel und Recherchen; von Überlegungen, Diskussionen, Probefahrten und Preisvergleichen. Am Ende stand fest, ich würde mir meinen Traum erfüllen und ein fast 100 Jahre altes Arbeitsschiff kaufen und dabei noch ein auf Finkenwerder über Jahre liebevoll gepflegtes Holzschiff bekommen, das in voll seetüchtigem Zustand sofort ‘raus auf die Nordsee fahren konnte.

Dabei liegt der große Strom Elbe doch direkt vor der Haustür, höre ich es aus beratenem Munde. Nur war während der vergangen sechs Monate in mir ein Plan gereift, den es jetzt galt, in die Tat umzusetzen. Der Grund - wer die ‘Betty’ kennt, wird auch das traditionelle Rigg bewundert haben und so bei sich gedacht haben, bei dem kleinen, schnellen Schiff, braucht es ja nur zwei alte Hasen und die segelt sich fast wie von selbst. Ich war aber nicht mal Einer und wenn ich die Smack nur für ein paar Stunden - bei schönem Wind und richtiger Tide - spontan auf der Elbe ausführen wollte, müßte ich die Mitsegler-Hotline in Gang setzen, und beten, daß irgendwelche erfahrenen Hände genauso spontan wären, wie ich - heute ist das, wie das Bitten um ein Wunder. Mitsegler findet man natürlich immer irgendwelche, die Klüver- und Fockschot nur hoffnungslos durcheinander bringen, während du mit dem Ruder und dem Groß ringst. Die Lösung: das Rigg vereinfachen - nicht zum Einhandsegler, aber vielleicht zum ‘Eineinhalb’, dann könnte ich zusammen mit einer Freundin und ihrem Vierzehnjährigen einen sicheren Sommernachmittags-Törn auf der Elbe machen, ohne nach BR- oder SKS-Schein fragen zu müssen. Der nötige Fachmann war auch schnell gefunden: Mark Butler, Chef von James Lawrence Sailmakers aus Brightlingsea an der Themse, ein Spezialist, wie er im Buche steht. Auch war hier einmal die legendäre Werft von Robert Aldous, wo im letzten Jahrhundert unzählige der berühmten Essex Smacks und Bawleys gebaut wurden - neben ihren schönen Schwestern auch die ‘Betty of Colchester’ mit der ursprünglichen Fischerei- registrierungsnummer CK 145. Und Mark hat vielen der noch fahrtüchtig erhaltenen Schiffen mit seinen klassisch geschnittenen Segeln das letzte i-Tüpfelchen gegeben. Sein Angebot für ein neues Groß, Topsegel, den Klüver und das Rigg war darüber hinaus noch unwiderstehlich günstig und ich wollte der ‘Betty’ zum Einstand ein neues, schöneres Segelkleid verschaffen.

       
Rudi Franke als Betty's Skipper auf der Elbe allein in Zoutkamp Herbst 2002 im Singel vor Leeuwarden
das Rigg mit niederlänischer gastlandflagge
       

Also war es beschlossenen Sache Mitte September, eine Woche nach der Übergabe, nach Brightlingsea in den Smackhaven (-heaven) aufzubrechen. Die erste Zweimann-Crew war mit Jens-„Rudi“ erstaunlich schnell zusammen und nach einer Woche würde Carsten irgendwo bei Den Helder als Ablösung dazustoßen. Es war keine Überquerung geplant, wie es die grossen Segler in vier Tagen über die Nordsee in die Themse schaffen - allerdings auch nur mit sehr viel Glück und bestem Wind! Die kleinen Smacks (die ‘Betty’ hat eine Länge von 10 Metern), waren für den Austernfang in der Themsemündung gebaut - sind typische Küstenfahrer und nicht für plötzliche Herbststürme draußen auf der Nordsee tauglich. Also aus der Elbe raus, immer an den Inseln backbords vorbei, erst den ostfriesischen, dann den westfriesischen, und weiter an der Küste entlang, bis bei Dunkerque nach Ramsgate die Kanalüberquerung an einem Tag möglich wäre. Insgesamt rechnete ich mit höchstens zwei Wochen (die Wettervorhersage im Internet versprach ein stabiles Hoch über dem Kanal!). Bis Emden lief es wunderbar - nach einer unbeschreiblichen Morgendämmerung bei Wedel, Tanken bei klarem Herbsthimmel, Segel setzen und weiter die Elbe abwärts, war dann am Abend in Cuxhaven der Wetterbericht so richtig abgrundtief niederschmetternd. Es wurde ein typischer Hafentag in ’Cuxtown’, nur das wir beim Liegeplatzwechseln auf die ‘Möve’ stießen und für diesen Abend dem Primuskocher die Tortur mit dem Brennspiritus ersparen konnten. Am nächsten Tag war der Wind dann merklich abgeflaut und wir schafften es, mit viel Schlickrutschen und einmaligem Trockenfallen in den praktisch wasserlosen Hafen von Langeroog. Der Nordwest wehte zu kräftig, so das wir im Watt hinter den Inseln Schutz suchen mußten und das kostet eben Zeit, Norderney war der nächste Stop und weiter bis Emden wo es dann passierte!

Wie gesagt, ich bin nicht im entferntesten abergläubisch (eben der typische Rationalist!), daß mir nachts aber das Vorderluk den Zeigefinger quetschte, war irgendwie nicht fair, denn nur zu faul, nochmal aus der Pooftüte zu müssen, hatte ich die linke Hand einfach nicht schnell genug weggezogen, und schon knallte eine ganze Menge Holz auf sie drauf. Beim schmerzvollen Wachliegen war schnell klar, daß eine Zwangspause eingelegt werden mußte - ich war nicht einmal mehr eine halbe Kraft wert und Carsten war auch nicht so fit die ‘Betty’ und mich mehr oder weniger allein weiter zu bringen. Also wurde das Schiff im idyllischen Binnenhafen von Emden untergebracht und wir fuhren erstaunlich guter Dinge nach hause zurück. In der Genesungswoche in Hamburg strahlte die Sonne vom Spätherbsthimmel und ich hing täglich am Telefon um einen Ersatzmann für die Weiterfahrt aufzutreiben. Zwischendurch entdeckte ich bei einem Stöberbesuch bei Eckardt & Messtorff eine neue Route: Auf der ‘standing Mast’-Kanalfahrt durch Holland könnten wir schlechtes Wetter oder ungünstigen Wind im Landesinneren umfahren. Das gab den nötigen Motivationsschub und schon lief alles wieder wie geschmiert, plötzlich war Jan gefunden, Lebenskünstler, DJ und früher als Maschinist zur See gefahren; schon saßen wir im Zug nach Emden mit dem festen Willen, das Schiff heil und sicher durch Hollands Kanäle zu schippern. Nach Delfzijl auf der niederländischen Seite der Ems war am ersten Tag die schöne, alte Hansestadt Groningen erreicht, wo wir im Oosterhaven fest machten und der Stadt mit einem längeren Landgang unseren Tribut zollten. Am nächsten Tag war der kalte Ostwind mit 6 -7 ziemlich stark aufgefrischt, was uns in den Kanälen unter Motor aber nicht weiter stören wurde und so tuckerten wir auf den malerischen Grachten gemächlich mitten durch die Stadt, warteten immer wieder auf eine der vielen Klappbrücken, bis wir den kanalisierten Fluß Reitdiep und die nicht so malerischen Vororte erreicht hatten. Weiter ging es durch große und kleine Klappbrücken in Richtung Dokkum, dem nächsten Städtchen auf unserer nordwestlichen Route, immer geschoben von unserem soliden, 35 PS starken Volvo Penta Schiffsmotor und dem nicht weniger starken Ostwind.

Als wir wieder einmal auf eine Brücke warten mußten - mit dem schönen Namen ‘Roode Haan’ - und Jan am Ruder stand, verpatzten wir das Festmachen an den Wartepollern gleich gründlich, was ich in dem Augenblick seiner Unerfahrenheit zuschrieb. Nachdem wir es dann in den Seilen hängend und an den Tauen würgend geschafft hatten, war er der festen Meinung, der Rückwärtsgang hätte nicht funktioniert. Doch das konnte doch gar nicht sein, hatte ich mich doch beim Kauf des Schiffes darauf verlassen, daß laut Auskunft des Vorbesitzers - und schriftlicher Vereinbarung im Kaufvertrag - der Motor noch ‘99 generalüberholt worden war. Jan muß beim Schalten versehentlich in den Leerlauf geraten sein, denn als ich jetzt das Ruder übernehme und die Brücke geöffnet wird, läuft alles wieder wie geschmiert. Weiterfahrt zur Schutsluis bei Electra. Die Brücke vor der alten Schleuse ist geschlossen. Ich funke zur Brückenwacht und bitte um Öffnung. Wir beschließen an den Dalben vor der Brücke an Backbord festzumachen. Im Fahrwasser ist plötzlich wegen des starken Ostwinds großer Sog in die Schleuse hinein (das in westlicher Richtung in dem ganzen Fluß gestaute Wasser muß durch die schmale Schleuse). Beim Festmachmanöver bei ungefähr 2 Knoten Fahrt fällt der Rückwärtsgang zum zweiten Mal aus und das Manöver mißlingt gründlich. Das Schiff treibt jetzt schneller werdend auf die Brücke zu. Ein Wendemanöver ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich, da das Schiff mit dem Klüverbaum zu lang für die schmaler werdende, trichterförmige Brückeneinfahrt ist. Ungefähr 8 Meter vor der geschlossenen Brücke, bei inzwischen beinahe 4 Knoten Fahrt, versuche ich das Notmanöver: VOLLE KRAFT ZURÜCK. Der Motor jault laut auf und bei starken Vibrationen bleibt der Rückwärtsgang ohne jede Wirkung....

Dann geht alles sehr schnell! Eine Leine über einen der Poller direkt vor der Brücke an Steuerbord zu werfen mißlingt wegen zu hoher Fahrt und das Schiff saust ungebremst in die geschlossene Brücke hinein. Das Vorstag fängt zum Glück die meiste Fahrt auf, bis die Topstenge bricht und in der Brücke hängen bleibt. Das Schiff wird jetzt mit der Steuerbordseite gegen das Schleusentor und mit dem Heck gegen die Schleusenwand gedrückt. Wir liegen manövrierunfähig vor der Brücke. Mit vereinten Kräften gelingt es uns das Schiff gegen den Strom unter der Brücke zu befreien und 1 bis 2 Meter zurück an dem letzten Poller vor der Brücke festzumachen. Nach notdürftigem Bergen des Riggs und Öffnen der Brücke (Notruf über Funk) schiebt der Strom das Schiff durch die schmale Schleuse zu einem Notliegeplatz direkt hinter Electra, wo wir bis in die Dämmerung hinein den übriggebliebenen halben Topmast abfieren und das herabbaumelnde Rigg bergen. Die Arbeit hatte mich bis jetzt abgelenkt, aber später fing ich doch an zu grübeln. Es war wie verhext - sollte denn auf dieser Fahrt alles schief gehen? War ich etwa schuld an allem? Sicher, der gequetschte Finger, das war meine Idiotie gewesen, aber diesmal? In kurzer Zeit war das Getriebe kaputt gegangen und das halbe Rigg futsch - der Topmast lag wie zum Beweis, wunderbar in zwei Hälften geborsten, vorn auf dem Vorschiff - und wir lagen ersteinmal fest. Bis zum nächsten Tag, als wir nach einem längeren Fußmarsch über die Felder schließlich doch noch Erfolg beim Trampen haben und in Zoutkamp, dem nächsten Hafen und einem alten, durch den neuen Deich vom Meer abgeschnittenen Fischerdorf, den Marinetechniker Ed van der Born und auf der kleinen Werft Hilfe beim Abschleppen finden. Mit Angstschweiß auf der Stirn verfolge ich, wie der große, stählerne Rumpf des Fischereikahns bei uns längsseits geht und nach dem Belegen der Festmacherleinen mit der ‘Betty’ im Päckchen in Richtung Zoutkamp losdampft. Doch meine Furcht ist völlig unbegründet, der Steuermann des Schleppers ist ein alter Seebär und liefert uns sanft und sicher im Binnenhaven ab - wo wir, für die nächsten Tage vor Ostwind und anderen Widrigkeiten geschützt - festmachen und liegen bleiben können.

Nun war genug Zeit für eine Zwischenbilanz: das Getriebe muß ausgebaut, auseinander genommen und die Kupplung zum Beschichten eingeschickt werden (neue Teile sind bei Volvo anscheinend unbezahlbar). Wohl mindestens eine Woche wird das dauern, meint Ed - so lang kann Jan natürlich nicht warten. Bis Fried von der Möwe als neues Crewmitglied nachkommen wird, liege ich fürs Erste also allein in Zoutkamp fest, zum Glück nur eine halbe Autobusstunde von den Museen und Kinos in Groningen entfernt. Und noch ein positiver Aspekt läßt sich dem Ganzen abgewinnen, der massive Topmast war beim Herunterholen furchtbar schwer gewesen und ein von der Versicherung - nach erfolgter Schadensmeldung - zu bezahlender Neuer könnte mit den heutigen Technologien viel leichter hohl nachgebaut werden: eine spürbare Verbesserung am Krängungsverhalten des Schiffes. Nach einer Woche kommt zum Glück Fried, der schon bei der ersten Begegnung mit ‘Betty’ Feuer gefangen hat, aus Hamburg aufs Schiff. ‘Marintech Ed’ verströstet mich zwar noch auf das Ende der Woche, aber zu zweit wartet es sich schon viel besser. Dabei hatte ich Bernd und Ria von der ‘Jacob van Berlijn’ kennengelernt, einer großen stählernen, segelnden Gästetjalk aus Groningen. In deren Bauch, in der gemütlichen Messe, bekam ich von dem Ex-Berliner und seiner liebevollen Frau eine Menge warmen Tee und Beistand eingeflößt. Ich muß nämlich auch noch auf den Bescheid der Versicherung warten. Bis jetzt war die Smack offiziell nur bis zur Mitte des Monats versichert - schon in Hamburg lauerte ich auf die Post mit dem unterschriftsreifen Vertrag, der laut telefonischer Auskunft jetzt als Fax nach Holland geschickt würde. Dafür hatten holländische Freunde von Bernd und Ria ihre Faxnummer hilfsbereit zur Verfügung gestellt. Auch der um diese Jahreszeit schon fast unbeschäftigte Hafenmeister, wäre er nicht gleichzeitig der örtliche Straßenkehrer, hat Mitleid mit uns und erläßt uns die Hafengebühr nach einer pauschalen Woche. Schließlich ruft Ed an, das Getriebe ist endlich fertig und kann montiert werden! Er will noch am Nachmittag vorbeikommen und es einbauen. Eine halbe Stunde später ist Bernd an Deck und es scheint, als würde sich das Blatt endlich wenden und alles wieder an seinen Platz fallen: das Fax von der Versicherung ist da und muß nur noch bei seinen Freunden abgeholt werden.

         
Kajüte steuerbords Blick nach vorn dänischer Ofen an Backbord Blick ins Vorschiff Blick nach draußen ins Cockpit
       
  Ruderpinne und Kompaß historischer Kompaß Ankerspill
die Maschine unter dem Cockpit
       

Meine Stimmung steigt ständig: endlich kann die Fahrt weiter gehen und das Warten hat ein Ende! Dummerweise soll ich sofort mitkommen - Bernd fährt nämlich auf dem Weg nach Deutschland mit seinem Wagen bei den Bekannten vorbei, um das Fax abzuholen und ich soll auf dem mitgenommenen Fahrrad wieder zurück nach Zoutkamp fahren - und dann ist Ed schon längst auf der ‘Betty’. Der Vertrag ist mir jetzt aber so wichtig, daß ich eine Viertelstunde später das Fax ungelesen in die Tasche stopfe und aufs alte Hollandrad steige, um die ungefähr 15 Kilometer über Dörfer, Deiche und viel plattes Land - immer gegen den steifen Westwind an - zurück zum Schiff zu Radeln. Als ich völlig verschwitzt und abgekämpft dort ankomme, wartet Ed zusammen mit Fried schon länger auf mich, der Einbau ist längst fertig und der Rückwärtsgang funktioniert endlich wieder. Unterwegs hatte ich mir ausgemalt, das Vierhundert Euro ganz OK wären für die Reparatur, aber Fünfhundert die absolute Obergrenze sein sollten. Allerdings muß ich mich erst einmal hinsetzen, nicht nur weil ich von der wilden Radtour so richtig fertig bin, sondern weil mich die Rechnung, die Ed mir präsentiert, glatt umschmeißt. Über Eintausend Euro soll die Runderneuerung plötzlich kosten, mehr als das Doppelte meines Limits! Trotz seiner Beteuerungen, daß das eben so teuer wäre, überlege ich fieberhaft, was getan werden könnte, um den Preis in eine vernünftige Größenordnung zu bekommen. Zahlungsverweigerung, Anwalt, Gericht? Dann sitzen wir aber fürs Erste weiter in Zoutkamp fest und es ist Freitagnachmittag! Nur jetzt, wo der Vertrag da ist, soll es doch endlich weitergehen. Nach längerem Hin - und Her finde ich mich am Geldautomaten wieder um, durch Plündern meiner Konten, die 890 Euro zusammenzubekommen, auf die wir uns schließlich geeinigt hatten. Als Ed dann mit meinem guten Geld ins Wochenende abgezogen ist, kann ich endlich das Fax lesen und in Ruhe die Weiterfahrt planen. Aber was mich jetzt erwartet, kommt wie der sprichwörtliche Hammer. Im Sitzen studiere ich den alles entscheidenden Satz wieder und wieder, aber da steht er schwarz auf weiß: „Wir sehen uns nicht in der Lage, Ihnen weiterhin Versicherungsschutz zu gewähren, da keine unserer Versicherungen Ihr Schiff in Deckung nehmen will.“ Ich verstand die Welt nicht mehr! Das konnte doch nicht mit rechten Dingen zugehen. Welcher Klabautermann hatte es da auf mich abgesehen?

In der Sekunde, als endlich alles wieder in Ordnung schien, waren wir jetzt so richtig gründlich ausgebremst. Denn Eines war klar, ohne Versicherung würde ich das Schiff nicht einen Millimeter von seinem jetzigen Platz wegbewegen. War das der Plan? Sollten wir auf alle Zeiten in diesem Kaff bleiben? Wer hatte hier seine kalte Hand im Spiel? Vor allen Dingen konnte ich es jetzt einfach noch nicht übers Herz bringen, Fried von der neuen Katastrophe zu erzählen, der wie ich natürlich schon darauf brannte, das es endlich weiter ging. Also flüchtete ich zu Ria auf den ‘Jacob van Berlijn’, um erst einmal ihr mein Herz auszuschütten. Einigkeit bestand darüber, daß sich die Versicherung unmöglich verhalten hatte, ohne jegliche Vorwarnung, einen Tag nachdem der letzte Versicherungsschutz abgelaufen war, irgendwo nach Holland zu faxen, daß man den Vertrag nicht verlängern würde, den man mir einen Monat lang in Aussicht gestellt hatte, war nicht nur unprofessionell sondern einer Yachtversicherung mit so lateinisch hochtrabendem Namen in höchstem Maße unwürdig. Bloß was tun? Ich brauchte ganz schnell eine neue Versicherung, die die ‘Betty’ unter ihre Fittiche nehmen würde. Nur wie, jetzt vor dem Wochenende, mitten in der ‘Walachei’; ein paar hundert Kilometer von Hamburg entfernt? Vielleicht war am Samstagvormittag das Büro eines Versicherungsmaklers geöffnet.

Und wieder keimt ein Fünkchen Hoffnung auf. Genug auf jeden Fall, um Fried nach der Rückkehr zum Boot reinen Wein einzuschenken. Zum Glück nimmt er es mit Fassung und ist voll ehrlicher Unterstützung. Samstagmorgen fahren wir mit dem Bus nach Groningen, ich auf der Suche nach einem Makler, der mir noch am Wochenende einen vorläufigen Deckungsschein ausstellen würde und Fred zu einem Besuch im eindrucksvollen Seefahrtsmuseum. Sein Vormittag wird von Koggen und Tjalken bestimmt, mein Morgen ist nicht ganz so erfolgreich, wie ich mir erträumt hatte. Immerhin habe ich ein paar Kontakte gemacht und Telefonnummern bekommen. Es steht jetzt auf jeden Fall fest, daß ich versuchen werde, das Schiff in Holland zu versichern, um nicht nochmal mit einer Deutschen die selbe Erfahrung zu machen. Dienstag habe ich sie dann. Nach mehreren Rückschlägen und Problemen (ausländischer Besitzer, Hamburg als Heimathafen und so), komme ich direkt zu einer Versicherung - ohne Makler sogar - und es sieht so aus, als würden ‘Kuiper Verzekeringen’ uns nehmen. Telefonisch bekomme ich das OK weiter zu fahren. In Dokkum will dann ein Sachverständiger an Bord kommen, und die ‘Betty’ auf Herz und Nieren überprüfen. Ich hätte alle umarmen können: es soll wirklich weitergehen, nach fast zwei Wochen ungeduldigem Warten. Doch jetzt bin ich vorsichtig geworden und bevor wir tatsächlich wieder unterwegs sind, will bei mir keine richtige Vorfreude aufkommen. Mittwochmorgen fassen wir noch kurz Wasser und legen dann ab. Die Fahrt geht durch ein nebliges Friesland, von dem eingedeichten Naturschutzgebiet Lauwersmeer in den Dokkumer Grootdiep, an Anglern unter großen, grünen Regenschirmen vorbei, entlang Kuh- und Schafweiden, Dörfern mit und ohne Windmühlen, unter Brücken und Strommasten hindurch, bis wir nach einem wunderschönen Tag vor Dunkelwerden in Dokkum festmachen. Unterwegs wird der Besuch des Sachverständigen per Handy auf den übernächsten Tag in Leeuwarden verschoben und so bleibt uns genug Zeit für das Städtchen mit seinen hohen Wällen, den sternförmigen Bastionen und seinen hübschen Bürgerhäusern.

Der nächste Tag beschert uns in der Dokkumer Ee eine kühle, aber strahlende Sonne und angesichts der malerischen Häusern an den Ufern - fast alle haben Anlegestellen mit den Booten direkt vor der Haustür - steigt die Stimmung an Bord deutlich in Vorfreude auf die Stadt Leeuwarden, dem Zentrum der niederländischen Provinz Friesland. Wo wir nach guter Fahrt am frühen Nachmittag angkommen und in der wunderhübschen Nooerderstadsgracht fest machen. Noch sind wir praktisch die Ersten an einem der schönsten Liegeplätze auf dieser Fahrt: auf der anderen Seite der Gracht stehen hinter Bäumen entlang einer ruhigen Straße schöne, alte Stadthäuser und auf unserer Seite liegt ein großer Park mit dem eindrucksvollen Oldenhove Turm als weithin sichtbares Wahrzeichen. Der Stadtgang ist auch sehr lohnendswert, Leeuwarden ist etwas kleiner als Groningen, aber als alter Handelshafen, durchzogen von Grachten an deren gepflasterten Ufern, direkt vor den Schaufenstern der Läden, große und kleine Tjalken, Schlepper und Dampfer aus mindestens zwei Jahrhunderten ihren Liegeplatz haben. Wer sich wundert, daß es in Holland keinen einzigen Museumshafen gibt - neben den hervorragenden Schiffsmuseen in Amsterdam, Groningen und Den Helder - findet spätestens hier die Erklärung: jeder, auch noch so kleine Hafen in Holland ist ein Museumshafen, ohne das darauf besonders hingewiesen werden müßte. Die ‘Betty’ ist da natürlich in ihrem Element. Der Meinung ist auch Mijnheer Drupsteen von ‘Kuipers’, der das Schiff am nächsten Morgen unter die Lupe nimmt - genauer gesagt unter das Objektiv seiner hochauflösenden Digitalkamera - und ihr das offizielle OK gibt und dabei noch sehr schöne Aufnahmen vom Deck und unter Deck macht. Das heißt, wir sind jetzt richtig versichert und der Weiterfahrt nach Amsterdam, wo Fried aus Zeitgründen von Bord muß, steht nichts mehr im Wege. Die nächsten zwei Tage der Reise auf dem breiten Prinses Margrietkanal zum IJsselmeer verlaufen erfreulich ereignislos, allerdings stelle ich mit Sorge fest, daß die Tage jetzt, wo der Oktober immer schneller zu Ende geht, kürzer und kürzer werden und damit auch das Tagespensum, das wir schaffen, bevor die Dämmerung uns schon um sechs Uhr abends in einen Hafen treibt.

Der nächste größere Ort auf unserer Route ist Lemmer, das strategisch günstig, direkt an der Mündung des Prinses Margrietkanals ins IJsselmeer liegt. Hier dreht sich alles um Yachten und Motorboote. Der Hafen ist ein günstiger Ausgangspunkt für viele Holländer und vor allem Ruhrpöttler, für die es ein leicht erreichbarer Zugang zu ihrem beliebten Segelrevier ist. Nachdem wir schon am frühen Nachmittag wieder mitten im Ort am Stadtkanal anlegen, flankiert von kleinen Läden und Restaurants, versuche ich ein Problem zu orten, das mich schon längere Zeit gestört hat. Der Leerlauf ist seit Zoutkamp viel zu hoch eingestellt, statt ungefähr 800 Umdrehungen läuft der Motor im Stand mit mehr als Tausend Touren, was auf Dauer schlecht für den Motor und die Umwelt ist. Beim genaueren Forschen nach der möglichen Ursache bekomme ich einen Riesenschreck, ich entdecke nämlich, daß zwei Muttern, die das Getriebe am Motorblock befestigen sollen, lose in ihren Fassungen hängen und sicher schon herausgefallen wären, wenn sie nicht durch den Motorblock daran gehindert worden wären. Da muß Ed beim Einbau des Getriebes extrem schlampig gearbeitet haben und die Muttern nicht fest genug angezogen haben. Nicht Auszudenken, was passiert wäre, wenn durch starke Kräfte auf die Welle, das Getriebe vom Motor gerissen wäre. Da die Muttern sehr schwer zugänglich sind, brauche ich viel Fingerspitzengefühl und noch mehr Geduld, um beide schließlich wieder fest anzuziehen. Außerdem haben wir natürlich eine Menge Getriebeöl in die Bilge verloren und so mache ich mich kurz vor Ladenschluß auf den Weg, das passende Öl aufzutreiben. Zum Glück gibt es in Lemmer eine Volvo Penta Vertretung, die mir stinknormales Motoröl - als auch für das Getriebe tauglich - verkauft. Nach dem Auffüllen und einigen Versuchen, das Standgas richtig einzustellen, springt plötzlich der Motor nicht mehr an. Der Anlasser dreht und dreht, aber außer einer weißgrauen Auspuffwolke tut sich nichts. Das beunruhigt mich sehr, hat der Motor doch sonst - bis auf das defekte Getriebe - durch Zuverlässigkeit geglänzt. Für professionellen Rat ist es jetzt zu spät, und so beschließen wir, das Problem bis zum Morgen auszusitzen, noch ganz im Glauben, der Motor könne nur Abgesoffen sein und würde am nächsten Tag schon wieder funktionieren. Was sich dann am Morgen natürlich als pures Wunschdenken herausstellt, denn der Anlasser dreht zwar fröhlich seine Runden, aber der Motor will einfach nicht mit tun.

Da wieder einmal Sonnabend ist, mache ich mich selbst über das Monster her, bewaffnet mit nichts als einer kurzen Bedienungsanleitung. Jetzt gilt es zuerst einmal, die Funktionsweise eines Schiffsdiesels in Erinnerung zu rufen und dann das Vorhandensein der verschiedenen Flüssigkeiten, wie Kraftstoff, Wasser, Öl und Luft zu prüfen: alles positiv. Trotzdem will das Ungetüm einfach nicht anspringen, Versuch auf Versuch verläuft ergebnislos, so daß ich langsam Angst bekomme, die Batterie leer zu nudeln. An diesem Zustand ändert sich auch am Sonntag nichts, außer das wir in dieser Nacht den schlimmsten Herbststurm seit Jahren erleben und das Schiff schaukelt, als wäre es auf hoher See. Immer wieder prasseln größere und kleinere Zweige aufs Deck. Zum Glück liegen wir durch die Häuser so geschützt, daß uns im Gegensatz zu vielen Yachten, die von ihren Leinen losgerissen werden, nichts Ernstes passiert. Als ich am Montag bei Volvo Penta im Marine Center anrufe und um Hilfe flehe, bekomme ich außer einem telefonischen ‘Support’-Versuch, der ebenfalls keine neuen Ergebnisse zutage fördert, nur den Trost, daß am Dienstag ein Techniker aufs Schiff kommen würde. Der kommt wie versprochen, hat aber zu meiner Überraschung praktisch kein Werkzeug dabei. Nach einigen vergeblichen Startversuchen wiederholt er die Kraftstofftests, die ich jetzt schon mehrfach gemacht hatte. Als an dieser Front alles OK zu sein scheint, der Motor aber immer noch nicht anspringt, ist seine Diagnose dieselbe, die ich auch schon länger im Stillen bei mir fürchte: mangelnde Kompression! Die kann er nur im Werkstatthafen des Marine Centers prüfen und so werden wir zum zweiten Mal auf dieser Reise abgeschleppt. Diesmal sanft geschoben von einem Schlauchboot mit kräftigem Außenborder, durch die alte ‘Lemstersluis’ hindurch in das IJsselmeer und um eine Landzunge in den Industriehaven, wo wir ganz hinten in einer Box direkt vor der Werkstatt festmachen. Ich habe immer noch einen Funken Hoffnung, daß wir hier mit professioneller Hilfe in wenigen Stunden unter eigener Kraft wieder herausfahren können und vielleicht bis zum Abend Enkhuizen, unser nächstes Ziel, erreichen können. Schließlich ist der Volvo Penta ein berühmt zuverlässiger und darüber hinaus laut Kaufvertrag zuletzt vor weniger als 4 Jahren generalüberholter Schiffsmotor.

Aber wie ich die Werte der Messungen sehe, schwindet auch das letzte Fünkchen Hoffnung - sie sind miserabel und die Einspritzdüsen, die zur Messung herausgenommen werden mußten, sehen schlimm aus. Auch mein ungeübtes Auge sieht die Ablagerungen von Ruß und Schmutz, Resten von Metallspänen und die schwere Abnutzung sofort. Da ist etwas sehr faul mit meinem Motor und ich wundere mich, daß er bis hier überhaupt noch durchgehalten hat. Bald kommt zusätzlich zum Mechaniker und dem Chef noch dessen alter Vater dazu und jetzt schütteln drei erfahrene Techniker ihre Köpfe über meinem Motor. Es scheint eindeutig zu sein, der Motor muß generalüberholt werden und dazu ausgebaut und in der Werkstatt auseinandergenommen werden. Ich kenne die Antwort schon, frage aber trotzdem, ob nicht eine weniger aufwendige Reparatur, den Motor wieder zum Laufen bringen könnte. Kurzfristig vielleicht, lautet die einhellige Antwort, aber mit der Gewißheit, daß er irgendwann, irgendwo, aber bestimmt sehr bald wieder schlapp macht. Das überzeugt mich - ich weiß ja leider nur zu gut, wie ein Schiff ohne Motor und damit ohne Rückwärtsgang keine Bremsen hat - und im Interesse der Sicherheit willige ich schweren Herzens in den Plan ein. Das bereue ich schon wenige Zeit später, als mir im Büro dann die Kosten des Unterfangens vorgerechnet werden. Vor lauter Euronullen wird mir ganz schwindlig: mindestens Sechstausend, aber höchstens Siebentausend, dazu noch Tausend für den Ein- und Ausbau soll eine Generalüberholung kosten. Nach ungefähr zwei Wochen ist der Motor praktisch wieder wie neu und bekommt zwei Jahre Garantie. Bloß woher soll ich das Geld nehmen? Ich bitte mir Bedenkzeit aus und ziehe mich geschlagen in die Kajüte zurück.

Also aus der Traum von der Fahrt nach England und den neuen Segeln. Diesmal sitzen wir so richtig fest, gründlicher noch als in Emden oder Zoutkamp. Die Situation ist so schlimm, daß ich die Hoffnung fast völlig aufgebe. Fried versucht mich aufzurichten, so gut er kann, aber in der Nacht kommen mir zum aller ersten Mal Zweifel, ob ich der ‘Betty’ gewachsen bin. Ohne das ich viel dafür konnte, war ich in den letzten sechs Wochen vom Unglück so schlimm verfolgt worden, das es einfach nicht mehr mit rechten Dingen zugehen konnte. ‘Betty’ wollte mich nicht, so viel schien festzustehen und natürlich kannte ich das alte Seemannsgarn, von Schiffen, die lange in der Obhut eines Besitzers waren, den Wechsel nicht mit machen, sich dagegen wehren würden. Das mußte es sein, wie anders war diese Häufung an schweren Schicksalsschlägen zu erklären? Um es kurz zu machen, ich war abergläubisch geworden! Am nächsten Tag packten wir unsere Sachen - schweren Herzens gab ich den Auftrag für die Überholung des Motors, erstmal ohne zu wissen, wie ich das Geld dafür aufbringen würde - und setzten uns niedergeschlagen in den Zug Richtung Hamburg.

Lieber Leser, ich will dich hier nicht mit meiner Spökenkiekerei anstecken, sondern nur die wahre Geschichte erzählen, wie ich im Herbst 2002 die ‘Betty von Colchester’ in Besitz nahm. Aber so viel sei noch verraten: die ‘Betty’ liegt noch in Lemmer und es geht ihr, winterfest verpackt, ausgesprochen gut, der Motor ist wirklich wieder wie neu und im Frühjahr segeln wir zusammen ‘raus aufs IJsselmeer.

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